Interview Flurin Riedi

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"Im Sommer 2020 haben viele Schweizer Gäste die Destination für sich entdeckt und vor Ort erlebt, dass die Region weit mehr zu bieten hat, als Luxus und Shopping. Mit gekonnt platzierten Marketingbotschaften wie «Id Rueh vor Natur» wollen wir dieses Image korrigieren. "


Nach bald zwei Jahren Amtszeit als Tourismusdirektor zieht Flurin Riedi eine erste Bilanz und blickt auf eine bewegte Zeit zurück. Er gibt Einblick in die Tätigkeiten von Gstaad Saanenland Tourismus und einen Ausblick auf die geplanten Massnahmen.

Flurin Riedi, seit rund 20 Monaten sind Sie als Tourismusdirektor in der Destination Gstaad tätig. Ziehen Sie ein erstes Fazit, welches sind die Stärken und Schwächen der Destination?

Die Destination bewegt sich hohem Niveau und gilt bezüglich Service-Qualität, Event- und Infrastruktur-Angebot als Vorreiter. In vielen Teilen der Schweiz wird unsere Destination jedoch unterschätzt und ein einseitiges Bild hat sich in den Köpfen festgesetzt.

Im Sommer 2020 haben viele Schweizer Gäste die Destination für sich entdeckt und vor Ort erlebt, dass die Region weit mehr zu bieten hat, als Luxus und Shopping. Mit gekonnt platzierten Marketingbotschaften wie "Id Rueh vor Natur" wollen wir dieses Image korrigieren.

Die Destinationsstruktur ist ein filigranes Kunstwerk, in der sich diverse Akteure bewegen. Wichtiger Teil davon sind die Privatschulen und unsere Chaletgäste. Elementar in dieser Struktur ist die Balance zwischen der Tourismuswirtschaft, der Landwirtschaft, dem Gewerbe und dem Immobilienmarkt. Dieses Gleichgewicht immer wieder zu finden ist und bleibt eine wichtige Aufgabe der Destination. Dazu müssen wir Sorge tragen!

Wo steckt das Potenzial der Destination?

Auch wenn der Anteil an Schweizer Gästen bei über 50% liegt, haben wir gerade im Schweizer Markt noch weiteres Wachstumspotenzial. Ebenfalls nicht vernachlässigen dürfen wir das Segment Familien, wo wir insbesondere im Angebotsbereich noch besser werden können. Sei es bei den Chaletgästen oder auch in Hotels. Oft verbringen die Grosseltern, Eltern und Enkelkinder gemeinsam ihre Ferien in unserer Region. Auch Expats sind ein weiteres vielversprechendes Zielpublikum.

Wie sehen Sie die Entwicklung im Bereich Angebote und Produkte?

Der Sommer-Tourismus gewinnt immer mehr an Gewicht, wofür die Destination bereits viele gute Voraussetzungen besitzt. Unsere Höhenlage wie auch das Klima ist ideal, um den Hitzetagen in den Städten zu entfliehen und dennoch angenehme Temperaturen mit Sommerfeeling zu geniessen. Dies heisst aber nicht, dass wir auch weiterhin Investitionen im Bereich des Winter-Tourismus tätigen müssen!

In den letzten Monaten hat sich einiges in der Destination getan. Grössere Projekte wie das Kultur- und Sportzentrum (Nachfolge von "Les Arts"), Investitionen in Bahnanlagen wie am Horneggli, aber auch die STATION und die Erlebniswege als Teil vom Saaniland sind in Planung oder wurden bereits realisiert.

Das COVID-19-Virus hat die Destination Gstaad getroffen und die Tourismusentwicklung beeinflusst. Welche Auswirkungen hat die Pandemie für unsere Region?

Durch diese spezielle Lage rückten die Leistungsträger und Partner in der Destination noch enger zusammen. Die Sommersaison hat trotz der schwierigen Situation auch einige positive Auswirkungen gezeigt, wie beispielsweise die starke Zunahme an Schweizer Gästen, darunter viele First Visits. Verglichen mit dem Städte-Tourismus ist die Situation in den Bergdestinationen entspannter und wir dürfen auf einen erfolgreichen Sommer 2020 zurückblicken. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass der Tourismus nie mehr derselbe sein wird wie vor der Pandemie. Klar, der Mensch wird wieder reisen, aber sein Verhalten wird sich verändern. Vielleicht wird man etwas sensibler reisen, Attraktionen im Umkreis einer Tagesreise entdecken, längere Ferien verbringen und Kurztrips eher einschränken.

Ich sehe übrigens auch Chancen in der Krise: Wir machen gewaltige Fortschritte in der Digitalisierung. Andere Arbeitsformen haben sich durchgesetzt, arbeiten in den Bergen ist hipp geworden. Das Take Away Angebot widerspiegelt die hohe Gastronomie-Qualität in der Region und dank innovativen Ideen kommt der Genuss nicht zu kurz. Die Nachhaltigkeit und das Regionale gewinnt an Bedeutung. Aus diesem Grund werden wir in den kommenden Wochen ein Projekt mit dem Arbeitstitel "Gstaad Authentique & Alpine Echtheit" lancieren.

Daraus sind einige positive Schlüsse zu ziehen. Doch, wie sieht es bei der aktuellen Wintersaison aus?

Die laufende Wintersaison ist sehr herausfordernd. Unsere Destination wird vielleicht mit minus 10, vielleicht auch minus 20 Prozent abschliessen. Dramatisch ist die Lage in der Gastronomie mit Umsatzeinbussen bis zu 80 Prozent.

Aber auch andere Betriebe wie Sportgeschäfte oder Boutiquen oder auch die Skischulen sind von massiven Umsatzeinbussen betroffen. Auch bei den Skierdays müssen wir ein Minus verzeichnen. Zwar hoffen wir natürlich, dass wir noch etwas aufholen können, aber die Aussichten sind eher düster. Zum Glück können zumindest die Skigebiete geöffnet bleiben, denn die volkswirtschaftliche Bedeutung der Bergbahnen ist für die gesamte Destination sehr gross. Schwerwiegende Folgen hat die Pandemie auch für den ganzen Veranstaltungs- und Kulturbereich, aber auch für Meetings und Incentives. Dieser sogenannte MICE-Markt ist aktuell praktisch gänzlich eingebrochen.

Die Leistungsträger haben einen ausgezeichneten Job geleistet, Schutzkonzepte auf die Beine gestellt und umgesetzt und so den weiteren Betrieb in der Destination erst möglich gemacht. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön all unseren Partnern!

Wie hat Gstaad Saanenland Tourismus auf die veränderten Gästebedürfnisse reagiert?

Da der Fokus in der aktuellen Situation noch stärker auf dem Heimmarkt liegt und der Schweizer Gast sehr Outdoor-affin ist, haben wir ein starkes Augenmerk auf die entsprechende Angebots- und Erlebnisgestaltung gelegt. So wurden zusätzliche Genussliegen montiert, Grillplätze, welche auch im Winter genutzt werden können, realisiert, neue Winterwander- und Schneeschuh-Trails lanciert sowie ein viertes überdimensionales Fondue-Caquelon im Rahmen des Fonduelandes installiert. Mit diesen und vielen weiteren Massnahmen wollen wir die Erlebnisqualität nachhaltig ausbauen.

Ein schönes Beispiel sind auch unsere Charme-Offensiven. So haben wir zum Beispiel eine gemeinsam Aktion mit der Landwirtschaftsvereinigung durchgeführt und haben unseren Gästen als Dankeschön lokale Köstlichkeiten offeriert. Des Weiteren war die Plakatkampagne "Schön bisch hiä obna" eine spontane Aktion im vergangenen Sommer.

Welche wichtigen Projekte stehen in den kommenden Monaten an?

Ein Projekt, welches uns in den kommenden Monaten stark beschäftigen wird, ist unser Digitalisierungs-Projekt "Gstaad onLine" inklusive der Lancierung der GSTAAD Card. Die digitale Gästekarte "GSTAAD Card" soll ein Leuchtturmprodukt der Destination werden. So können unsere Gäste mit der GSTAAD Card nicht nur Bus und Bahn kostenfrei nutzen, sondern den entsprechenden Erlebnisraum mit seinen vielfältigen Attraktionen und Erlebnissen auf unterschiedlichster Art entdecken. Das Projekt ist nicht nur ein Innovationstreiber, sondern steht insbesondere für Convenience: Die verschiedensten Erlebnisse sollen einfacher buchbar und zugänglich werden.

Wo sehen Sie, Flurin Riedi, die Destination in fünf Jahren?

Um diese Frage zu beantworten und meine Ziele und Wünsche aufzuzeigen, will ich sechs Punkte klar hervorheben:

  • 1. Destinationsstrategie: Alle Anspruchsgruppen müssen an einem Strick ziehen, um die Destination weitervorantreiben zu können.
  • 2. Destinationsentwicklung: Um die Destination weiter zu entwickeln, benötigen wir auch in Zukunft gesunde und innovative Leistungsträger und Partner.
  • 3. Image: Die Zugänglichkeit und das Angebot für Familien soll ausgeweitet und das einseitige Bild der Highend-Destination ergänzt werden.
  • 4. Digitale Transformation: Digitale Instrumente sollen eine proaktive Kommunikation ermöglichen.
  • 5. Come up - slow down: Die traditionellen Werte der Destination müssen weiter gestärkt werden, insbesondere die authentische Seite sowie die Gastfreundschaft.
  • 6. Und zu guter Letzt hoffe ich, dass die COVID-19-Pandemie bald vorbei sein wird und wir zu einer Normalität mit neuen Akzenten zurückkehren können.